Vorsitzende der Polizeigewerkschaft über Inobhutnahmen von Kindern

Geschrieben von Andreas Puderbach

 

Ich bestreite nicht, dass es Inobhutnahmen gibt, die einer Notwendigkeit folgen. Aber ich gebe auch zu bedenken, dass sich der Eindruck durchgesetzt hat, einem Kind ginge es nach einer Inobhutnahme grundsätzlich besser.

Ich sehe derzeit die grundsätzliche Gefahr, Inobhutnahmen als Ersatz für qualifizierte Eltern- und Familienhilfe zu installieren.

Eine Inobhutnahme wird auch vom Kind erlebt, als eine erzwungene Herausnahme aus gewohnten Verhältnissen - und das Schreckliche daran ist, dass es selbst schlimmste Verhältnisse als gewohnt ansieht und sich oft sogar mit ihnen arrangiert hat. Einen solchen Zustand sollte man keinesfalls bei vorliegender Kindeswohlgefährdung so belassen. Eine Inobhutnahme kann und darf aber nur ein allerletztes Mittel sein.

Und auch hier muss ich betonen - um nicht mißverstanden zu werden - dass es Inobhutnahmen geben mag, die notwendig sind.

Zweifelsohne werden aber vor diesem Hintergrund im Moment zwei wichtige Punkte ausgeblendet:

1. Dass es unrechtmäßige Inobhutnahmen gibt - und dies aus vielfältigen Gründen und
2. dass das Erleben des Kindes bezüglich einer Inobhutnahme übehaupt nicht ausreichend beachtet wird.

Da Punkt 1 so vielschichtig wie umfangreich ist, werde ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen und tue dies in anderen Kommentaren.

Bei Punkt 2 hingegen, würde es jedem halbwegs Empathiefähigen helfen, sich gedanklich in die eigene Kindheit hinein zu versetzen und sich dann vorzustellen, man würde in ein Kinderheim verfrachtet ... (Erübrigen sich jetzt weitere Beschreibungen?)

Eines macht mir jedoch auch weiterhin durchaus Sorge. Ja, Angst. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Herr Wendt, soll gesagt haben, dass die Behörden antisemitischen Eltern die Kinder wegnehmen sollten....

Es gibt keinen Grund, solch radikales Gedankengut zu beschönigen und eine solche Situation, nämlich in einem politisch radikalen Umfeld aufzuwachsen, ist alles andere als schön und erstrebenswert und es mag auch eine Beurteilung des Kindeswohls erfolgen, aber ich möchte behaupten, dass sich Herr Wendt hier über die Tragweite einer solchen Aussage nicht bewusst gewesen sein kann.

Denn wer Solches in die Welt setzt und sei es moralisch noch so vertretbar (da bin ich absolut bei Herrn Wendt), der muss sich auch Fragen gefallen lassen, auf die er Antworten nur schuldig bleiben kann:

1. Wo bitteschön ziehen Sie hier die Grenze? Wann ist jemand antisemitisch und wann nicht? Wer beurteilt das?

2. Welche weiteren Meinungen und Ansichten dürfen Eltern zukünftig vertreten oder nicht vertreten, um nach den Kriterien Dritter ihr Kind weg genommen zu bekommen?

3. Streckt der Staat schon seine Griffel bis tief in die Schlafzimmer hinein, geht er dann immer weiter oder erkennt er selbst seine Grenzen? In welchem Gesinnungskorridor darf man sich dann noch bewegen, ohne Angst zu haben, dass der Staatsschutz einen besucht und die Kinder abholt? Und auch hier betone ich, dass radikales Gedankengut der Eltern nicht unterstützt gehört. Aber ist die Wegnahme eines Kindes hier ein probates Mittel? Und wenn ja! Wer zieht zukünftig hier die Grenzen?

4. Und geht es letztlich denn tatsächlich noch um die Kinder, oder einfach nur um eine sich immer mehr verschärfende politische Diskussion, wer sich wann und wie zu verhalten hat und somit seine Kinder behalten darf?

Ich denke da nur an die vielen (im Übrigen auch christlichen) Gemeinden, welche ich öffentlich und ohne Kopfschmerzen dabei zu haben, ebenfalls als extrem und fundamentalistisch bezeichne und die - was bekannt ist, denn es gibt sogar Studien darüber - ihre Kinder nach wie vor züchtigen, ja sogar teilweise die Schulpflicht ignorieren.

Wie würde man gedenken hier zu verfahren?

Vielmehr wird der Blick viel zu wenig also darauf gerichtet, was mit den Kindern in einer Inobhutnahme geschieht. Gibt es überhaupt das ernsthafte Bestreben, diese Kinder wieder in die Familien zurück zu führen?
Wer beurteilt die Besserung der Lage und wer beobachtet das Wohlergehen eines Kindes in einer solch einschneidenden Lebenssituation?

Wenn es so ist, dass wir dies Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagoginnen des Jugendamtes im zarten Alter von Anfag zwanzig überlassen und den Betreibern und ihnen angeschlossenen Therapeuten, die an diesen Modellen Geld verdienen, dann sind wir eben nicht auf dem richtigen Weg. Dieser Weg erscheint als verzweifelter Aktionismus, der symptomatisch ist für vollkommen verfehlte Familienpolitik.

Und wenn wir - denn dazu neigen wir im Allgemeinen - ökonomische Interessen in den Vordergrund stellen, was niemand zugeben würde aber jeder weiß, dann unterwerfen wir auch schon unsere Kinder nichts Anderem, als eben nicht nur den guten Willen - wenn auch teilweise irrigen Annahmen folgend - nach dem Kindeswohl handeln zu wollen, sondern diese Vorgehensweisen auch den Interessen, welche auf diesem Gebiet ihr Geld verdienen.

Und das das riesige Feld des Sozialwesens in Deutschland ein knallhartes Buiseness ist, ist mittlerweile vielen nicht verborgen geblieben.

Im Übrigen. lieber Herr Wendt, und das ist eine durchaus sachliche Diskussion, darf in Anbetracht jüngster Vorkommnisse durchaus erwähnt werden, dass die Angreifer, welche in Berlin zwei junge Menschen angriffen, die eine Kippa trugen, arabisch gesprochen haben sollen. Dies habe ich selbst den Medien entnehmen können, wenn es auch höchst selten erwähnt wurde.

Einen "neuen" Antisemitismus kann ich in Bezug auf die deutsche Bevölkerung nicht erkennen. Und wenn ich auch zu der Personengruppe gehöre, die ein solches Verhalten zutiefst ablehnt, darf ich das aus eigener Erfahrung auch sagen.

 

Andreas Puderbach

 

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